elementar

Wolfgang Hubers Biografie Dietrich Bonhoeffers


Foto: C.H.Beck Verlag

Eine Rezension von Rolf Wischnath, der seine Besprechung an der vielfältigen Bedeutung des Wortes 'elementar' entlangführt.

1971 erschien das Taschenbuch „Tod“ des Tübinger Theologen Eberhard Jüngel. Von diesem Buch gab es in der Universitätsbibliothek Bonn nur ein Exemplar. Und dieses hatte ein Kommilitone so akribisch und mit so viel Begierde nach der Weisheit des Autors gelesen, dass er in diesem Exemplar vom ersten bis zum letzten Satz, Seite für Seite, Zeile für Zeile mit einem roten Farbstift und Lineal alles unterstrichen hatte – schlechterdings alles.

Mit Wolfgang Hubers Buch „Dietrich Bonhoeffer“ geht es mir ähnlich. Nach einer zweiten Lektüre ist mein Exemplar so mit Bleistift und Farbe – schwarz und grau, grün und rot – unterstrichen und bearbeitet, dass ein anderer Leser sich die Frage stellen muss, ob denn nun tatsächlich alles mit einer „Texthervorhebungsfarbe“ zu versehen sei.

Warum ist Wolfgang Hubers „Dietrich Bonhoeffer“ insgesamt so stark und durchdringend? Weil er ein elementares Buch geschrieben hat: Hier findet sich das Elementare des Lebens, der Arbeit, des Dastehens und der Wirkung Dietrich Bonhoeffers – sein „Elementares“ im besonderen, vielseitigen Sinne des Wortes als:

(1) das Einfache, (2) das Grundlegende, (3) das Anfängliche, (4) das Wesentliche, (5) das Persönliche.

Und: es ist wohl zu sagen, dass sich auch das Elementare des Autors in den zwölf Kapiteln dieses Buches über Dietrich Bonhoeffer finden lässt.

(1) elementar: einfach

Das Buch Hubers ist elementar, indem es einfach ist. Und „einfach“ ist ein Qualitätsmerkmal. Es gelingt dem Autor - von Jugendtagen an bis zu diesem Altersbuch und weiterhin mit Dietrich Bonhoeffer befasst -, diesen Theologen und Märtyrer so vorzustellen, dass auch ein interessierter „Laie“ – was immer das heißt - oder ein Theologiestudent im ersten Semester in die Lage versetzt wird, sich dessen Lebenswerk zu erschließen. Und vor allem werden Leserinnen und Leser durch dieses Buch angeregt, Bonhoeffer im Original zu lesen. Seite an Seite werden die schon erfahrenen Leser und Kenner des Denkens, der Vita und des Erbes Bonhoeffers hier eine Zusammenfassung und ein Geordnetes finden, wie es das bisher nicht gegeben hat. Mithin liest die / der an Bonhoeffers Leben und Denken Interessierte ein anziehendes Buch, welches es einem nicht schwer macht. Und eben darin ist Hubers Werk wissenschaftlich und darin erschließbar, dass es seine didaktische Ausrichtung nicht als etwas Zweites und Nachgeordnetes arrangiert – „wie sage ich es nun dem Kinde …“ -. sondern es sieht die didaktische Frage schon an den Anfang gestellt in dem Wissen, dass auch in der Theologie eine wissenschaftliche Erkenntnis recht eigentlich nur dann „wissenschaftlich“ genannt zu werden verdient, so sie das Moment ihrer Mitteilbarkeit und Tauglichkeit von Anfang an bedenkt. Stets muss es – vor allem für die Systematische und Historische Theologie – schon im Ansatz die notwendige Verbindung von Erkenntnis und Kommunikation geben. Und das leistet Hubers Bonhoeffer exemplarisch. Elementarer gesagt: Dieses Buch lässt sich lesen, wahrnehmen, erkennen, verstehen, einsehen, behalten – einfach so. Und es ist kein fiktiver Text. Vielmehr hat es einen Adressaten – nicht die vielseitige Welt der Bonhoeffer-Exegeten, sondern den Leser.

(2) elementar: grundlegend

Wolfgang Hubers Buch ist weiterhin darin elementar, indem es das Grundlegende bei Bonhoeffer erschließt. Wer und was hat bei ihm den Grund seines Lebens gelegt? Wo hat seine Theologie und Biographie ihren Grund? Huber trifft eine für seine ganze Arbeit geltende Entscheidung: „In Bonhoeffers wechselvoller Geschichte hingen Glauben und Leben, Theologie und Widerstand eng zusammen“ - unteilbar eng. Und so betont der Autor vor allem den inneren Zusammenhang von Biographie und Theologie, von Person und Werk. Er schreibt: „Ein allein lebensgeschichtlich angelegtes Porträt ist unzureichend. Man muss die tragenden Gewissheiten dieses Menschen verstehen und die Veränderungen seines Denkens nachzeichnen.“ Huber entspricht seinem Postulat dadurch, dass er die theologischen Themen Bonhoeffers seiner Kapitel immer wieder bedenkt auf dem Hintergrund der jeweiligen Lebenssituation des Wahrgenommenen und der politischen und kirchenpolitischen Konstellationen seiner Lebenszeit.

Zum Beispiel: Dietrich Bonhoeffers Stellungnahme zur Friedensfrage lautet 1934 auf der ökumenischen Konferenz zu Fanoe: Die Kirche soll „ihren Söhnen im Namen Christi die Waffen aus der Hand nehmen und ihnen den Krieg verbieten und den Frieden Christi ausrufen über die rasende Welt“ (S. 148). Dann jedoch ein Jahrzehnt später – so schreibt Huber zu Recht – „gab es für Bonhoeffer Situationen, in denen es nicht reicht, die unter die Räder geratenen Opfer zu verbinden, sondern in denen man dem Rad selbst in die Speichen fallen muss … Bonhoeffer nahm den Zweiten Weltkrieg als ein Ereignis wahr, in dem ‚nackte Lebensnotwendigkeiten der Menschen‘ durch kein Gesetz mehr zu regeln waren. In solchen Situationen Gewalt als ultima ratio abzuweisen, betrachtete Bonhoeffer als ‚schwärmerisch‘; wenn man sich dafür auf die Bergpredigt berufe, mache man aus ihr ein ‚Gesetz alles weltlichen Handelns‘“ (S. 152).

Und dann verbindet Wolfgang Huber Bonhoeffers Denken und Handeln auch in diesem Falle mit der aktuellen Diskussion um die Friedenfrage in der EKD unserer Zeit. Oft schlägt er die Brücke von Aspekten und Perspektiven der Theologie Bonhoeffers zu gegenwärtigen kirchenpolitischen und theologischen Diskussionen und Auseinandersetzungen. So macht der Autor einmal mehr deutlich, dass sich die Theologie und das politische Denken Bonhoeffers nicht einsargen lassen in alten und zeitbedingten, lebensgeschichtlichen und historischen Bezügen, in Examensarbeiten oder Promotionen. Vielmehr kommt es darauf an, in einem gründlichen Nachvollziehen von Bonhoeffers Gedanken- und Schreibarbeit und seinen Lebensstationen seinen theologischen und politischen Weg zu bedenken mit der Frage, was in der eigenen Zeit die Wahrnehmung des Bonhoefferschen Erbes bedeutet. „Auf dem Weg zur Freiheit“ lautet der Untertitel des Buches Wolfgang Hubers. Ich verstehe das so, dass Bonhoeffers geistige und brüderliche, freiheitliche und geistliche „Angebote“ „auf dem Weg“, in einer Bewegung zu bedenken sind, also im Horizont unserer Wegstecke, unserer Zeit und unseres Lebens. [Recht eigentlich gehört der Untertitel des Buches AUF DEM WEG ZUR FREIHEIT zum gleichrangigen Obertitel in derselben Schriftgröße.]

(3) elementar: anfänglich

Hubers Buch ist darin elementar, dass es das Anfängliche bei Bonhoeffer reflektiert und zu einem klaren Ausdruck bringt. Bekanntlich heißt es 1944 im Gefängnisbrief Bonhoeffers an seinen Patensohn zur Taufe: „Du wirst heute zum Christen getauft. Alle die alten großen Worte der christlichen Verkündigung werden über Dir ausgesprochen und der Taufbefehl Jesu Christi wird an Dir vollzogen, ohne dass Du etwas begreifst. Aber auch wir selbst sind wieder ganz auf die Anfänge des Verstehens zurückgeworfen. Was Versöhnung und Erlösung, was Wiedergeburt und Heiliger Geist, was Feindesliebe, Kreuz und Auferstehung, das Leben in Christus und Nachfolge Christi heißt, das alles ist so schwer und so fern, dass wir es kaum mehr wagen, davon zu sprechen".

Die in diesen Sätzen anklingende theologische Weglosigkeit nötigt den gefangenen Dietrich Bonhoeffer, zum Anfang zurückzukehren und neu nach einer Sprache zu suchen, die trägt. Aber dieser Anfang lässt sich nicht finden auf den ersten Seiten einer neuen Dogmatik, auch nicht im ersten Band der Kirchlichen Dogmatik Karl Barths oder einem ihrer Folgebände. Bonhoeffers „Anfang“ ist die Suche und der Ruf nach einer Theologie, die im Elementaren beginnt – und zwar im Elementaren der eigenen Lebenserfahrungen. Die Rede ist mithin von einem Anfang, den wir uns nicht selber setzen und verschaffen können. Sondern in den wir hineingenommen werden durch eine Bewegung, die uns als Kraft des Geistes widerfährt. Von dieser Kraft schreibt Martin Luther im Kleinen Katechismus:

„Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann; sondern der Heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten; gleichwie er die ganze Christenheit auf Erden beruft, sammelt, erleuchtet, heiligt und bei Jesus Christus erhält ….“

Und in der Fortführung der Auslegung zum dritten Artikel, also von der Lehre vom Heiligen Geist zur Lehre von der christlichen Gemeinde und Kirche, schreibt Huber zu den „Anfängen des Verstehens: „Gerade angesichts der Umwälzungen, die Bonhoeffer während seiner Gefängniszeit kommen sieht, wächst seine Sehnsucht nach einer Christenheit und einer Kirche, die betet, das Gerechte tut und auf Gottes Zeit wartet. Das ist eine Christenheit, die diese Dimensionen ihrer Existenz nicht gegeneinander ausspielt, sondern zeigt, wie Leben und Glauben zusammengehören. Dietrich Bonhoeffer ist davon überzeugt, dass der Tag kommen wird, ‚an dem wieder Menschen berufen werden, das Wort Gottes so auszusprechen, dass sich die Welt darunter verändert und erneuert.‘“

Wolfgang Huber zeigt demzufolge an, dass „die Anfänge des Verstehens“ nicht mit erneuten Anstrengungen des Kopfes gefunden werden, sondern ermöglicht werden in der erneuerten Gemeinschaft der christlichen Gemeinde, die in ihrer Vielzahl „Kirche“ bzw. „Christenheit“ genannt werden darf. Insofern und von daher ist das Problem der Einsamkeit in der Gefängniszelle vor allem das Problem des Alleinstehens in der Kirche. Und das Alleinstehen in der Kirche weckt die außerordentliche Sehnsucht, auch wieder von hieraus mit dem Anfang des Verstehens zu einem neuen Aufbruch zu gelangen.

(4) elementar: wesentlich

Was ist in dem von mir übermäßig an- und unterstrichenen Buch Wolfgang Hubers das Elementare im Sinne des Wesentlichen. Es kann nicht anders sein, weil Bonhoeffer selber das Wesentliche immer und immer wieder benannt hat: „Aber an Gott, an Christus muss ich immerfort denken ….“. „Wer ist Christus für uns heute?“ „Was mich unablässig bewegt, ist die Frage, was das Christentum oder auch wer Christus heute (!) für uns eigentlich ist.“

Huber interpretiert das Wesentliche in Christus nun nicht im Rückgriff auf die altkirchlichen Bekenntnisse und auch nicht in einer Zurückziehung auf die erste These der Barmer Erklärung, sondern er unterstreicht in Bonhoeffers Frage das „Heute“ als das Wesentliche. Der Autor sei mit einer längeren Passage zitiert:

„Bonhoeffers Wirklichkeitsverständnis war durch die Überzeugung bestimmt, dass in Jesus Christus die Gotteswirklichkeit in die Weltwirklichkeit eingehe. Dies ist jedoch keineswegs mit einer Sanktionierung des Gegebenen gleichzusetzen. Vielmehr gilt es, die Zeichen der Zeit so zu deuten, dass das Achten auf Gottes Gebot nicht mit der arglosen Anpassung an vorhandene Machtstrukturen oder an bestehenden Machtmissbrauch verwechselt wird. Aber auch vermeintlich ‚prophetische‘ Aufrufe zum Ausstieg aus einer wirtschaftsdominierten Gesellschaft reichen nicht aus, weil sich die Weltzuwendung des Glaubens nicht in folgenlosen Appellen erweist, sondern in verantwortlichen und realitätsbezogenen Maßnahmen. Weltweite Migrationsbewegungen, digitale Transformation, Klimawandel und demographische Veränderungen bilden dafür heute die größten Herausforderungen. Zugleich kommt es darauf an, in einer Welt religiöser und weltanschaulicher Pluralität, in der religiös begründete Formen autoritärer Machtausübung und darüber hinaus auch religiös legitimierter Terrorismus an Einfluss gewinnen, den Ort des christlichen Glaubens neu zu bestimmen – eines Glaubens, der seinen Platz an der Seite des leidenden (!) Gottes hat“ (S. 290f.).

Wolfgang Huber macht so deutlich, dass das Wesentliche im Sinne des Elementaren bei Bonhoeffer zwei untrennbare Perspektiven hat: eben die Frage nach der Gestalt des Christus heute und – dann und mit gleichem Ernst - die Frage, „wie eine kommende Generation weiterleben soll.“ Die Frage nach der Zukunft derer, die uns nachkommen, bestimmt Bonhoeffer als „die letzte verantwortliche Frage“. Und Bonhoeffer erläutert sie mit einem Satz, der wie ein tagespolitisches Kennwort dieses Sommers erscheint: „Die junge Generation wird immer den sichersten Instinkt dafür haben, ob nur aus Prinzip oder aus lebendiger Verantwortung heraus gehandelt wird; es geht dabei ja um ihre eigene Zukunft“ (S. 292).

(5) elementar: persönlich

Wer in der Zeit der Wahrnehmung seines Bischofsamtes (1994 – 2009) in Wolfgang Hubers Büro im Berliner Konsistorium kam, sah sogleich eine recht große „Kopfbüste“ von Dietrich Bonhoeffer gegenüber der Eingangstür. Der Bildhauer, der sie verfertigt hat, war Hans Breker, ein Bruder des berüchtigten Arnold Breker. Jener andere – sehr andere - Hans Breker erhielt den Auftrag, eine Bonhoeffer-Büste für ein Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium in NRW zu schaffen. Ein zweiter Entwurf kam zu Wolfgang Huber.

Ich habe dieses Bildwerk verstanden als verbindliches Zeichen der Schülerschaft und als Signal der Selbstrelativierung. Es mag den Mitarbeitern im engeren und weiteren Bereich der Ev. Kirche in Berlin-Brandenburg wohl in Hubers Bischofszeit öfters vorgekommen sein, dass unser Bischof nun einmal alles wisse und um das Wort in allen wichtigen Situationen und zu allen wichtigen Vorgängen nicht verlegen sei. Hubers Verhältnis zu Dietrich Bonhoeffer kann uns ein Besseres lehren:

Es gibt keinen anderen evangelischen Theologen - auch über unser Land hinaus -, der so sehr, so intensiv, so langandauernd, so weitreichend und auch so demütig mit dem Erbe Bonhoeffers befasst war und ist wie Huber – und zwar „von Kindes Beinen an“, als er als Christlicher Pfadfinder Bonhoeffers „Gemeinsames Leben“ las. „Widerstand und Ergebung“ folgte bald. Und nicht erst die Habilitationsschrift befasste sich mit Bonhoeffers Konzept der „Kirche für andere“ als eines weitreichenden und zukunftsträchtigen theologischen Modells für die Ekklesiologie als der Lehre von der Kirche. Mit seinem Lehrer Heinz Eduard Tödt beteiligte er sich an der Neuausgabe der Werke Dietrich Bonhoeffers. Eine Kärrnerarbeit! [„Kärrner“ ist der Wagenzieher von „Karren“.] In der Nachfolge von Tödt war Huber dann Sprecher des Herausgeberkreises der Dietrich Bonhoeffer-Werke. Das schloss auch die Pflicht ein, eine Verständigung mit den Herausgebern der englischen Übersetzung aller siebzehn Bände zu erreichen – noch einmal: „Kärrnerarbeit“. Die Beschäftigung mit Bonhoeffers Theologie hat Huber dann in viele Länder geführt – besonders und besonders nachhaltig nach Südafrika.

Das alles ist zu erwähnen, um zu verdeutlichen, welchen Rang das 2019 erschienene Buch in der langen – sehr langen - Liste von Hubers Veröffentlichungen hat. Und dabei ist es dann zu einem elementaren - d.h. in einer fünften Hinsicht des Elementaren - zu einem sehr persönlichen- und zugleich sachgemäßen Buch gekommen, das elementar zu Dietrich Bonhoeffer das sagt, was heute gesagt werden kann und muss. Und Huber schiebt an keiner Stelle seine eigene Persönlichkeit vor die Bonhoeffers. Die persönlichen und eigenen Aspekte dieses Buches sind dennoch nicht zu überlesen. Sie ähneln der Bratschenstimme in einem Streichquartett. Sie fällt nicht auf. Aber man hört sie, wenn man sich auf sie konzentriert. Und ohne Bratsche gibt es kein Quartett. Ganz unverstellt ist das Persönliche des Autors in diesem Buch wahrzunehmen und zu erfahren auf den letzten fünf Seiten (295 – 300).

An diesen letzten Seiten und den 294 Seiten zuvor kommt künftig niemand vorbei, der sich Dietrich Bonhoeffer nähern oder sich noch einmal (Karl Barth beigeordnet) auf ihn als den anderen Kirchenvater des 20. Jahrhunderts konzentrieren möchte.

Ein Nachwort:

Bei einem solchen Werk wie Hubers Bonhoeffer-Buch ist es einem Autor beschieden, dass ihm manche Rezensenten aufzählen, was er alles nicht berücksichtigt hat. Mein Votum in dieser Richtung formuliere ich nicht als Klage über Fehlendes, sondern als Anregung:

In dem zu Anfang erwähnten Buch „Tod“ schreibt Eberhard Jüngel: „Sünde drängt in die Verhältnislosigkeit. Sie macht beziehungslos. Der Tod ist nun das Fazit dieses Dranges in die Verhältnislosigkeit […]. Tritt der Tod faktisch ein, dann wird das Leben vollends verhältnislos. Der tote Mensch ist seinem Gott für immer entfremdet. Und ohne Gott wird alles verhältnislos“ (S. 99 - 100). Jüngel sagt dann sehr wohl: Durch das Ereignis von Christi Tod und Auferweckung wird der Tod zum Leben hin verwandelt. Aber eben erst am „jüngsten Tag“, also erst „dereinst“ wird der Tod verwandelt. Und dieses Kommende (besser: der Kommende) ändert zunächst und derzeit nichts an der faktischen Definition des Todes als Verhältnislosigkeit, als „Ganz-Tod“. Jedenfalls setzt die Zukunft des Gekommenen nicht ein im Tod des doch schon versöhnten Menschen, sondern dann im früher oder später adventlich kommenden Weltenrichter. Also  – dann erst.

Bei Bonhoeffer ist Anderes zu hören. Er predigt 1933 in London zum Tag des Gedenkens an die Gestorbenen: „In Gottes Welt müssen wir unsere Gestorbenen, dürfen wir am Ende auch uns selbst suchen … Ja, das sind sehr verborgene Dinge. Aber wir dürfen sie wissen. Die Glaubenden werden Frieden haben und der Tod wird sie nicht schrecken; er kann sie nicht mehr anrühren, denn sie sind in der Hand Gottes und keine Qual rührt sie an.“ Und über die Situation der Sterbenden „nach“ dem Tod heißt es: „Nach dem Tode geht ein Neues an, über das alle Mächte der Todeswelt keine Gewalt mehr haben.“

Und Dietrich Bonhoeffer meditiert am 4. Advent 1943 über das Weihnachtslied Paul-Gerhardts „Fröhlich soll meine Herze springen“. Und er schreibt dazu: „Mir geht in den letzten Wochen immer wieder der Vers durch den Kopf, ´Lasset fahren, o liebe Brüder, was euch quält, was euch fehlt, ich bring alles wieder´“. Und Bonhoeffer fragt: „Was heißt dies ´ich bring alles wieder´?“. Und er antwortet: „Es geht nichts verloren, in Christus ist alles aufgehoben, aufbewahrt, allerdings in verwandelter Gestalt, durchsichtig, klar, befreit von der Qual des selbstsüchtigen Begehrens“, und – wie hinzufügen ist – auch von der Qual des Todes, der Folter, des Entrechtetwerdens eines durch mörderische Gewalt abgebrochenen Lebens.

Vom Tod spricht Bonhoeffer - im Gedicht „Stationen der Freiheit“ - mit der Bitte, als ließe sich der Tod anreden: „Komm nun, höchstes Fest [!] auf dem Wege zur ewigen Freiheit, / Tod, leg nieder beschwerliche Ketten und Mauern / unsres vergänglichen Leibes und unsrer verblendeten Seele, / …. / Sterbend erkennen wir nun im Angesicht Gottes dich selbst.“

Und Bonhoeffers letzte überlieferte Worte an Bischof George Bell in England lauten: „Dies ist für mich das Ende, aber auch der Beginn.“ Huber schreibt dazu: „Im Angesicht des Todes hielt er sich an die Gnade Gottes; sein letzter Neubeginn transzendierte sein irdisches Leben.“ (S. 292)

Aber könnte und müsste nicht gefragt werden: Wo sind die Toten? Wohin gehen wir im Tod? Was ist das unbesiegbar Neue im und nach dem Tod? Was geschieht im Moment des Sterbens? Welches Fest wird gefeiert? Wann wird es gefeiert? Worin besteht der Neubeginn? Was heißt Transzendenz des irdischen Leben?

Huber nennt den Untertitel seines Buches „Auf dem Weg zur Freiheit“. In seinem Gedicht „Stationen der Freiheit“ sagt Bonhoeffer: „… auf dem Wege zur ewigen Freiheit“. Wolfgang Huber sollte uns noch sagen, was nach Bonhoeffer die Station der ewigen Freiheit ist und wann und wie sie ist, sofern das alles überhaupt mit irdischen Worten zu sagen ist. Aber wenigstens anzusagen wäre es.
 

Wolfgang Huber, Dietrich Bonhoeffer – Auf dem Weg zur Freiheit, München 2019

Zum Autor:

Rolf Wischnath (*1948) war in Soest, Mülheim und Berlin ev.ref. Pfarrer. Von 1995 bis 2014 war er Generalsuperintendent des Sprengels Cottbus. Er ist Honorarprofessor der Universität Bielefeld.

 

 

 

 

 

Außerhalb des Manuskripts:

Der katholische Exeget Gerhard Lohfink schreibt über „das Fest“:

 

„Der Tod ist nicht das letzte Wort. Im Tod werden wir Gott endgültig begegnen: dem Gott unserer Gebete, unserer  Sehnsucht, unserer Hoffnung und unseres Glaubens. Die Begegnung mit Gott ist keine ewige Ruhe, sondern ungeheures, atemberaubendes Leben, ein Strom von Glück, der uns hinwegreißt, aber nicht irgendwohin, sondern immer tiefer in die Liebe und in die Seligkeit Gottes hinein. In unserem Tod werden wir Gott endgültig und für immer begegnen.“

 

Könnte Bonhoeffer das auch so gesagt haben?

Werner-Sylten-Preis für christlich-jüdischen Dialog wird erneut verliehen

Ausschreibung zum 80. Jahrestag der Ermordung am 12. August
Zum 80. Jahrestag der Ermordung von Werner Sylten am 12. August schreibt die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) zum siebten Mal den Werner-Sylten-Preis für christlich-jüdischen Dialog aus.

Quelle: EKMD