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Wahrheit

Den Religionen wird generell unterstellt, einen absoluten Wahrheitsanspruch zu haben, den sie mit der Offenbarung ihres Gottes begründen – vergleichbar nur mit politischen Ideologien, die sich zwar auf die Vernunft berufen, aber auch unterschiedliche Wahrheiten für richtig und sehr wichtig halten können. Die grausamsten Kriege fanden nicht aus materiellen Gründen statt, sondern um vermeintlich bessere Ideen zu verbreiten.

Den Drang, anderen die eigene Wahrheit notfalls mit Gewalt näher zu bringen, lässt sich nur auflösen, indem der Begriff anders interpretiert wird: Was wir Menschen für wahr halten, kann immer nur eine Annäherung an das sein, was wirklich wahr ist. Das gilt für die Wissenschaft wie für den Glauben: letztgültigen Einblick haben wir nicht. Diese Begrenzung können wir zwar nur schwer aushalten, sie ist aber eigentlich eine Entlastung: Wir müssen gar nicht für die Durchsetzung einer Idee kämpfen, sondern können uns gelassen der Diskussion stellen, was in dieser oder jener Situation die beste Lösung ist.

Allerdings ist auch festzuhalten, dass es nicht keine Wahrheit gibt. Das würde nämlich der Beliebigkeit Tür und Tor öffnen und es gäbe nur noch Meinungen. Wenn wir also umgangssprachlich von Tatsachen sprechen, sind damit Erkenntnisse gemeint, die nicht nur wahr genannt werden, sondern sich auch in unserer menschlichen Wirklichkeit bewährt haben – nicht unumstößlich, aber auch nicht mal eben so in Abrede zu stellen.


Georg Rieger