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Worum sollen wir beten?

Wo ich wohne, gibt es das noch: das Pilgern über die Felder im Frühsommer. Ich stel­le mir vor: Bittgang 2019 – auf geteerten Wegen ohne Flurstreifen für Insekten, die letz­ten Streuobstbäume längst gefällt, auf den Äckern kein einziges Unkraut dank Glyphosat und in den Nasen der Gestank von Gülle. Und Gott wird angerufen nebst allen Heiligen, seinen Se­gen auszustreuen. Welchen Segen? Worum sollen wir beten? Dass das Grundwasser wie­der steigt und dass es entgiftet wird? Dass der Sommer weniger heiß wird? Dass keine Sturm- und Regenkatas­tro­phen die Ernte zerstören? Dass die EU aufhört, den expansiven Land­bau zu fördern? Worum sollen wir beten? Manche Gebete sind eine Verhöhnung Gottes. Er soll wieder in Ordnung bringen, was wir ka­­putt machen. Aber: der Schöpfer hat uns doch die Welt anvertraut! Er hat die Welt in ihre eigenen Entwicklungen entlassen. Und eine die­ser Entwicklungen heißt Demokratie. Uns ist Verantwortung übertragen für die Welt. Verantwortung, die uns rich­­tig und gut handeln lässt, an der wir aber auch scheitern können. Worum also sollen wir beten? Ich meine: nicht für eine ‚Obrigkeit‘ und nicht für ein wunderbares Eingreifen Gottes in die Natur oder die Zu­stän­de der Welt! Auch nicht für die anderen können wir beten. Für uns selber müssen wir beten: Um Mut und Fantasie im demokratischen Miteinander. Um Verant­wor­tungs­be­wusst­sein. Gegen Resignation und Angst. Um Hoffnung und Beistand – also um den Heiligen Geist.


Gudrun Kuhn, Nürnberg