Die Heilige Schrift, gelesen im Lichte des Bundes

Gebote im Gnadenbund statt Evangelium und Gesetz


Unter dem „Verstehensmuster“ des einen Bundes Gottes als des „Gnadenbundes“, der im Alten und Neuen Testament bezeugt wird, liest sich die Bibel anders als unter dem von Luther herausgearbeitetem Gegensatz von „Gesetz und Evangelium“.

Im Lichte des Bundeswillen Gottes betrachtet wird die Einheit und Gleichrangigkeit der beiden Testamente betont. Das "Evangelium" wird auch im Alten Testament bezeugt. Ebenso wird die Einheit Gottes hervorgehoben: Der "Vater Jesu Christi", der Gott der Liebe ist kein anderer als der erwählende, der eifersüchtig, zornig und leidenschaftlich liebende Gott Israels.

Bund und Heiligung
Als "Bundespartner" Gottes lebt der Mensch nach den Weisungen Gottes, ohne dass sein Tun unter den Verdacht der "Werkgerechtigkeit" fällt. Der Bund zwischen Gott und Mensch besteht in der Liebe, Treue und Barmherzigkeit Gottes, nicht durch die Leistungen, die Werke, die Größe der menschlichen Bundespartner: "Nicht hat euch der Herr angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern -, sondern weil er euch geliebt hat" (5.Mose 7,7f.). Das Gebot ergeht am Sinai nach der Befreiungstat Gottes, nach der Rettung aus der Sklaverei in Ägypten. Dogmatisch gesprochen: Die Heiligung gehört zur Rechtfertigung.

Christliche Bundestheologie und jüdisches Selbstverständnis
Die reformierte "Bundestheologie" kann offen sein für jüdisches Selbstverständnis. Im Sinaibund begegnet Gott seinem Volk jeden Tag aufs Neue mit Barmherzigkeit und gibt ihm seine Gebote als Weisung zum Leben. Diesem Bund bleibt Gott treu – egal, was kommen mag. Diese Erkenntnis ist grundlegend für das jüdisch-christliche Gespräch.


Barbara Schenck