Meiner Tierliebe gehuldigt

Mittwochs-Kolumne von Barbara Schenck


Ein Relief auf dem Friedhof Notre-Dame-des-Neiges, Montréal; Foto: Wikipedia-Commons

Bekenne, ich gehöre zu denen, die mit Tieren sprechen: "Na Lisa, hast du gut geschlafen?" Unser Kaninchen sitzt auf seiner Fressplatte, einer alten Sandsteinschindel vom Kirchendach. Lisa blickt mich mit großen dunklen Augen an. Neben der Fressplatte gehört ihr auch die Küchenbank. Wer könnte es schon übers Herz bringen, so ein süßes Tier im Käfig einzusperren?

Das grau-weiß gescheckte Kaninchen hat sich im Familienleben bewährt. Wenn's mal wieder so richtig kracht zwischen Mutter und Tochter, schicke ich meine Kontrahentin in die Küche. Ich weiß, auf Lisa ist Verlass. Sobald das heulende Kind auf der Küchenbank sitzt, kommt das aufmerksame Tier angehoppelt, leckt ein schweißig-salziges Menschenhändchen und lässt sich bekuscheln. Lisa ist eine tolle Trösterin. Apropos Trost: Von Michael Beintker habe ich gerade gelernt: Theologisch überhöhen sollte ich diesen kleinen Trost nicht, aber erlaubt ist schon, ihn als ein kleines Zeichen des Segens und der Freundlichkeit Gottes zu sehen.

Der Mensch lebt "in der Kameradschaft der zahmen, der kriechenden, der wilden Tiere". Das sagt Karl Barth. Ausgerechnet der dialektische Theologe, bei dem man nicht gerade eine liebevolle Neigung zur Natur erwartet, schreibt über den Gefährten, das Tier. Es sei der "Begleiter" des Menschen im Bunde mit Gott. Und bei allem, was zwischen Gott und Mensch sich von Beginn der Schöpfung an ereignen wird, werden die Zeugen im Tierreich auch da nicht "verstummen", sondern "manchmal lauter und eindringlicher reden", "wo die menschlichen Zeugen versagen werden", so Barth. Das ist Balsam für mein Herz. Die Tierliebe hat einen theologischen Grund.

Tieren kommt in der Theologie noch eine ganz andere Rolle zu. Sie haben als Metapher für die Verkündigung des Evangeliums zu dienen. Ein klassischer Fall ist der Pelikan. Der Wasservogel sammelt in einem großen, dehnbaren, am Unterschnabel hängenden Kehlkopfsack Fische für seine Jungen. Beim Füttern entsteht ein Bild, als biete der Pelikan seine Brust den Nachkommen zur Nahrung an und opfere so sich selbst - wie Jesus Christus. Der Schein trügt. Der Pelikan reißt sich weder selbst die Brust auf, noch lechzen die Jungen nach dem Blut der Mutter. Allenfalls schimmert beim Kraushaarpelikan der Hautsack am Schnabel während der Balzzeit rot. Das ist aber keine Wunde.
Kamerad Tier oder Gefährtin Blume als Metapher oder gar Symbol für die Verkündigung zu benutzen, birgt eine Gefahr in sich: Der "Natur" gegenüber genau das zu vergessen, was Menschen gegenüber Menschen begonnen haben zu lernen: ein anderes Wesen als einzigartig wahrzunehmen. Zugegeben, die Versuchung ist groß, sich vorschnell fürs Predigen in "der Natur" zu bedienen. Ich blicke auf die "Vögel am Himmel": So sorglos-frei schweben, der Dinge harren, die da kommen mögen, das wär' doch was. Dabei verdränge ich die arme Krähe, die in der überfluteten Böschung ertrinkt.
Vielleicht brauchen wir Menschen hin und wieder diese Verengung der Sicht, ein wenig Romantik zum Wohlfühlen - und wissen dabei selbst: "Die Natur ist so wenig idyllisch wie Gott lieb ist."** Auch unser süßes Kaninchen kann kräftig zubeißen.

 

**Rainer Hagencord, in: ders., Gott und die Tiere. Ein Perspektivwechsel, Verlagsgemeinschaft Topos plus 2008, 17.
Der Gedanke von  Prof. Dr. Michael Beintker stammt aus dem Impulsreferat "Eigentum Christi werden. Der Heidelberger Katechismus als Trostbuch im Gotteszweifel" auf der Hauptversammlung des Reformierten Bundes 2013 in Heidelberg. Demnächst auch nachzulesen auf reformiert-info.
Die Karl-Barth-Zitate stammen aus KD III/1, 198f., zitiert nach: Karl Barth, Augenblicke. Texte zur Besinnung, ausgewählt von Eberhard Busch, Zürich 2001.

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Barbara Schenck, 12. Juni 2013