Übers Essen nachdenken

Mittwochs-Kolumne von Barbara Schenck


So könnte es gewesen sein: Adam und Eva waren Vegetarier. Tiere zu essen gehörte nicht zum Paradies.

Als Speise gab Gott den ersten Menschen nur "alle Pflanzen, die Samen bringen, und alle Bäume mit Früchten" (Gen 1,29). Erst nach der Sintflut, unter dem Eindruck, "das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens" sei böse von Jugend auf, gab Gott Noah und seinen Nachkommen "alles, was sich regt und lebt" als Lebensmittel (Gen 9,3). Diese Essensgeschichte vom Anfang hat eine Spur im Judentum hinterlassen: Über den Genuss von Fleisch wird kein spezieller Segen gesprochen. Mit einem besonderen Segensspruch danken Jüdinnen und Juden nur für Nahrungsmittel, die nicht erfordern, das Blut eines anderen Lebwesens zu vergießen.
Wie halten wir's mit dem Tiere-Essen?
Die Vernunft könnte vor Fleischkonsum warnen: Tiere zu essen hat eine miserable Ökobilanz. Der Nahrungsaufwand für Zuchttiere ist weit größer als der Ertrag, den sie als Nahrung bringen; und Massentierhaltung birgt eine Zeitbombe, sie kultiviert gegen Antibiotika resistente Bakterienstämme.
Die Moral könnte zu Wort kommen: Wer einen lebenden Hummer ins kochende Wasser wirft, um ihn wenig später genüsslich zu verzehren, müsste sich fragen lassen: "Denken Sie manchmal über den Wert eines Tierlebens nach - falls dieser Wert überhaupt existiert?" (David Foster Wallace). De facto ist es wohl so: "Am Umgang mit dem Tier scheiden sich früh die Moralen und die Appetite." (Peter Sloterdijk)
Die Philosophie könnte zu bedenken geben: Gewöhnen Grausamkeiten Tieren gegenüber uns daran, grausam zu Menschen zu sein? Theodor W. Adorno schrieb: Der "Trotz", mit dem ein Mensch den Blick aus dem Auge eines tödlich verwundeten Tieres von sich schiebt, denn "- 'es sei ja nur ein Tier' -, wiederholt sich unaufhaltsam in den Grausamkeiten an Menschen, in denen die Täter das 'nur ein Tier' immer wieder bestätigen müssen, weil sie es schon am Tier nie ganz glauben konnten."
Radikal könnten wir mit Albert Schweitzer fragen: "Wer von uns weiß denn, welche Bedeutung das andere Lebewesen an sich und im Weltganzen hat?" Gilt es nicht, jedem Leben mit Ehrfurcht zu begegnen?

Was tun wir Menschen? Wir sind sündig, ja, zum Bösen geneigt. Aber wir haben die Fähigkeit, Anteil zu nehmen und Mitleid zu empfinden. In unserer unperfekten Welt gibt es die "Teilzeitvegetarier_innen". Sie genießen den Rinderbraten vom Biohof, verzichten aber aufs Fleisch vom Supermarkt oder essen ein, zwei, drei Tage die Woche kein Tier. Das ist scheinheilig? Mag sein, aber "das Ziel ist ja nicht, ethisch rein zu sein, sondern die Welt besser zu machen" (Jonathan Safran Foer). Auch eine "Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben" zwingt den Menschen, "sich in jedem Falle selber zu entscheiden, inwieweit er ethisch bleiben kann und inwieweit er sich der Notwendigkeit von Vernichtung und Schädigung von Leben unterwerfen und damit Schuld auf sich nehmen muss" (Albert Schweitzer).
Das könnte zu wenig reformiert sein? Für Calvin gab es "kein Teilchen der Welt, in dem nicht wenigstens irgendwelche Fünklein" von Gottes Herrlichkeit zu sehen wären. Und der Natur, einer "von Gott gesetzte Ordnung", gebühre "besondere Ehrfurcht" (Institutio I,5,1+5).

Ängstlich harrt die Kreatur, dass es so sein werde, wie Jesaja sagt: "Löwen werden Stroh fressen wie die Rinder. Und ein Säugling wird spielen am Loch der Otter...".

 

Nachweis der Zitate

Das Buch der Albert Schweitzer Zitate, hrsg. von Einhard Weber, München 2013, 24.29. Dort aus den Sammelbänden Vorträge, Vorlesungen, Aufsätze, hrsg. von Claus Günzler, Ulrich Luz und Johann Zürcher, München 2003, 398 und: Kulturphilosophie Bde. I u. II, München 2007, 316.

Theodor W. Adorno, Minima Moralia, Frankfurt/M. 1982, 133,
Jonathan Safran Foer, Donnertags kein Fleisch. Interview in: Die Zeit (16.8.2010),
Peter Sloterdijk, Stimmen für die Tiere, in: Herausforderung Tier. Von Beuys bis Kabakov (2000),
David Foster Wallace, Am Beispiel des Hummers, Köln 2010,
zitiert nach: Wir haben es satt. Warum Tiere keine Lebensmittel sind, hrsg. von Iris Radisch und Eberhard Rathgeb, St. Pölten, Salzburg 2011, dort: S. 16 (Adorno), S. 27 (Sloterdijk), S. 186 (Wallace), S. 250 (Foer).

vorangegangene Mittwochs-Kolumnen

Foto: www.SirToebi.de.vu, „Hummer“, CC-Lizenz (BY 2.0), www.piqs.de


Barbara Schenck, 28. August 2013