Was steht denn da?

Eine Anleitung, die Bibel zu lesen


© Pixabay

Kurze Auslegungen zum äthiopischen Kämmerer, dem geknickten Rohr, dem "Kinderevangelium", dem Trost, der Messiaserwartung, dem (vermeintlichen) Zweifler Thomas, der "Opferung Isaaks" und dem sinkenden Petrus.

„Verstehst du, was du da liest?“ fragt der Jesus-Schüler Philippus den äthiopischen Finanzminister (Apg. 8, 26 ff), setzt sich zu ihm und deutet ihm eine Stelle aus dem Buch Jesaja. Philippus erklärt nicht, gibt keine Sachinformationen, sondern verkündigt Jesus als den Christus, indem er dem Jesajatext eine bestimmte Bedeutung gibt: Er beweist nicht, sondern deutet den alttestamentlichen Text - vom Oster- und Pfingstgeschehen her zurückblickend - um. Dabei verändert er den ursprünglichen Sinn, den historischen Zusammenhang des Jesajatextes, stellt das alte Wort in ein neues Licht. Philippus geht es um das Glauben, um den Glauben - und nicht um historische Fakten. Die Reaktion des Finanzministers ist, dass er sich taufen lässt; er zettelt keinen Historikerstreit an.

Als Christen sind wir gewohnt, uns auf die Bibel zu berufen. Das gelingt uns um so leichter, je besser wir uns in der Bibel auskennen – und je weniger unsere Gesprächspartner sie gelesen haben. „Dass etwas so Schönes in der Bibel steht, ist mir neu“, höre ich manchmal, oder auch: „Das hilft mir jetzt einen guten Schritt voran!“ Ich kann allerdings auch durch fleißiges zitieren von Bibelstellen mein Gegenüber mundtot machen und geradezu erschlagen. Das wäre der Bibel unangemessen und dem Glauben schädlich.

Wer häufig in der Bibel liest, wird immer wieder Worte oder Geschichten finden, die ihn in seiner Gegenwart unmittelbar ansprechen - bestätigend, voranbringend, mahnend, hilfreich immer. Dem Leser, der Leserin wichtige Bibelworte ändern sich im Lauf des Lebens wie der Mensch sich ändert. Als z. B. mir zur Konfirmation aus Psalm 90 der Gebetswunsch auf den Weg gegeben wurde „Fülle uns frühe mit deiner Gnade, so wollen wir rühmen und fröhlich sein unser Leben lang“, da passte das Wort in mein Lebensalter; heute passt das „frühe“ nicht mehr recht zu mir. Vergleichbar geht es mir mit manchem Bibelwort, das mir einst viel bedeutete, mit der Zeit aber seine aktuelle Bedeutung für mich verloren hat. Dafür sind mir heute andere Bibelworte wichtig, geben mir Zuversicht und Hoffnung. Ich bin dankbar dafür, dass die Bibel immer wieder etwas Neues, Wichtiges für mich parat hält, dass sie mir für mein Leben und Sterben, für mein Glauben Hilfe gibt, Richtung weist, Mut macht. Das ist – kurz und knapp – der Untergrund, auf den ich nun ein paar Striche und Farben setzen möchte.

1. Lesen

Wer einen Text liest, sollte sich klar sein: Er ist es, der aus seiner persönlichen Situation heraus den Worten eine Bedeutung gibt, sie be-deutet. Wie im Gespräch der Hörer, die Hörerin entscheidet, mit welchen Ohr er oder sie das Gesagte hören will, so macht es auch die Leserin, der Leser mit ihrer oder seiner Brille. Was ein Text mir sagt, lege ich – oft unbewusst, aber nie ungewollt - in ihn hinein, schon durch meine Betonung der Wörter. Das ist völlig in Ordnung, denn wenn ich das nicht täte, bliebe der Text nichtssagend und tot. Bringe ich ihn mit dem in Verbindung, was mich akut oder chronisch beschäftigt, kann der Text zu mir sprechen, und ich kann aus einem Bibeltext Gottes Stimme hören.

Doch zuvor sollte ich genau lesen, was da steht. Genaues Lesen ist mehr als Buchstaben aneinander zu reihen. Es ist z. B. nützlich, die Möglichkeiten der Grammatik auszuloten. Da heißt es z. B Mk 10, 15: „Wer das Reich Gottes nicht annimmt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“ Die Grammatik bietet hier zwei Verstehensmöglichkeiten: Das Reich Gottes so anzunehmen, wie ein Kind etwas annimmt (dann stünde das Kind im Nominativ, dem 1. Fall) oder es so anzunehmen, wie ein Kind angenommen wird (dann stünde es im Akkusativ, dem 4. Fall). Die gängige Auslegung bevorzugt den Nominativ, und hier wird vielleicht deutlich, wie stark die gängige Auslegung unser Verstehen beeinflusst. Um einen Text zu verstehen, sollten wir uns aber so weit wie möglich von derlei Vorgegebenheiten befreien und immer fragen: Kann man das auch anders lesen? Bibelausleger können irren.

Hilfreich ist auch zu erkunden, welche Bedeutung ein Wort hatte, als der Text geschrieben oder übersetzt wurde. In deutschsprachigen Bibeln lesen wir oft von „Trost“ und „trösten“. Als Martin Luther die Bibel übersetzte, verstand man unter „trösten“ so viel wie „Mut machen“, und „Trost“ bedeutete dementsprechend „Zuversicht“, auch „Vertrag“. Trost meinte also damals etwas, worauf man sich fest und sicher verlassen kann, etwas, das einem Halt gibt.

Manchmal lese ich auch etwas in einen Text hinein. Dann nämlich, wenn ich etwas zu lesen, zu erkennen meine, das gar nicht in dem Text steht und das ich von anderswo her kenne – oder wenn ich meine, mir die Bedeutung denken zu können. Deshalb muss ich jeden Text in seinem Zusammenhang lesen, ganz besonders, wenn es um einzelne Verse geht. Mancher, der den Vers liest „Das zerknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht nicht verlöschen“ (Jes 42, 3) denkt, hier ist von Gott die Rede oder von Christus, und dann hat der Satz etwas sehr Beruhigendes. Liest man aber den Zusammenhang, stellt man fest: Der Prophet spricht von dem Perserkönig Cyrus. D. h., der Prophet äußert sich zur aktuellen politischen Entwicklung – und behält am Ende mit seiner Einschätzung recht: Cyrus beendet die Vormachtstellung Babylons und ermöglicht den verschleppten Israeliten die Heimkehr, er zerbricht das geknickte Rohr Israel nicht.

Unter „Hineinlesen“ fällt auch, wenn wir im AT Hinweise auf Jesus von Nazareth zu finden meinen. Keiner der alttestamentlichen Autoren konnte Jesus, den Sohn Josephs und Marias, kennen und also auch nicht von ihm schreiben. Allerdings finden wir im AT, namentlich bei den Propheten, die Hoffnung auf einen Messias, einen Christus. Dabei handelt es sich überwiegend um die Erwartung eines starken Königs, eines Politikers also, der die Unabhängigkeit Israels von Großmächten beenden, der für sein Volk Freiheit und Frieden erzielen und der mit Gerechtigkeit und Güte regieren wird. Solche Messias- oder Christuserwartung ist von neutestamentlichen Christusvorstellungen besonders des Paulus noch weit entfernt.

Für das Lesen und Verstehen eines biblischen Textes ist stets die Frage nötig: Wer hat wem was wann warum wie geschrieben?

Wer war der Autor, was wissen wir über ihn und seine Lebensumstände? Bei etlichen Büchern der Bibel heißt der Befund ganz schlicht: Wir wissen über den Verfasser überhaupt nichts, nicht einmal den Namen.

Wem gilt das Schreiben? Oft lässt das Schreiben selbst Rückschlüsse auf den oder die Empfänger zu, in den neutestamentlichen Briefen sind die Adressaten teils recht genau benannt.

Was steht da? Da müssen wir uns ganz auf das konzentrieren, was in dem jeweiligen Buch steht, müssen darauf verzichten, Inhalte und Aussagen anderer Bücher mitzudenken oder gar hineinzulesen.

Wann wurde das Buch geschrieben, wie waren die Zeitumstände, die politischen, wirtschaftlichen, kulturellen Verhältnisse, wie sah das Alltagsleben aus?

Warum wurde das Buch geschrieben, wie war die besondere Lage der Empfänger, gab es einen konkreten Anlass, besondere Umstände, eine Notsituation vielleicht oder deren Gegenteil?

Wie sind Absichten und Ziele des Autors, welche Theologie vertritt er, was verkündigt er? Auf diese Fragen geben die Bibelwissenschaften zwar bisweilen unterschiedliche Antworten, doch im Großen und Ganzen herrscht heute ziemliche Übereinstimmung.

Ist diese sechsfache W-Frage beantwortet, kann und darf ich die nächste stellen: Wo hat dieser Text heute Parallelen, wo sagt er etwas in die Gegenwart, und wo spricht er mich (vielleicht) unmittelbar an?

2. Übersetzungen

Wer Hebräisch und Griechisch nicht gelernt hat, ist auf eine Übersetzung der Bibel ins Deutsche angewiesen. Nun ist jede Übersetzung immer auch Interpretation, ist Deutung des zu übersetzenden Textes. In der Lutherübersetzung etwa heißt es „Wir liegen vor dir mit unserem Gebet“ (Dan 9, 18). Luther war Augustiner-Mönch und katholischer Priester. Daher war er gewohnt, in der Zelle oder vor dem Altar liegend zu beten. Die auf Ulrich Zwingli zurückgehende Zürcher Bibel übersetzt: „Wir treten vor dich mit unserem Gebet.“ So steht es im hebräischen Urtext, und so steht es auch in der Elberfelder Bibel. Sehr frei und großzügig gehen sogenannte „moderne“ Übertragungen mit den Urtexten um, sei es Jörg Zink, sei es die „Gute Nachricht“, „Hoffnung für alle“ und wie sie sonst heißen mögen. Auffällig ist, dass keine dieser Übertragungen „Bibel“ heißt.

Die meisten Übersetzungen bieten uns die biblischen Texte abschnittweise. Zwar ist die Einteilung in Kapitel und die kapitelweise Durchnummerierung der Sätze („Verse“) schon recht alt, doch nicht ursprünglich. Nicht die Autoren der Bücher haben ihre Werke so eingeteilt, sondern spätere Redaktoren. Sie wollten den Leserinnen und Lesern das Auffinden bestimmter Stellen erleichtern. Diese Redaktoren haben dann entschieden, wo die einzelnen Kapitel anfangen und aufhören sollen. Ob sie dabei immer die Absichten der Autoren getroffen haben, darf man wohl fragen, und es lohnt sich, wenigstens das vorhergehende und das nachfolgende Kapitel mit zu beachten. Unterschiedliche Bibelausgaben unterscheiden sich bisweilen in der Einteilung der Kapitel.

Deutlich jünger noch als die Einteilung in Kapitel sind die Überschriften einzelner Kapitelabschnitte. Schon die Formulierungen der Überschriften geben dem Verstehen des Textes eine Richtung vor, und das geschieht auch durch Anfang und Ende mancher Abschnitte. Wir kennen wohl alle den Jünger Thomas (Joh 20, 24 – 29), der ermahnt wird: „Weil du mich gesehen hast, hast du geglaubt. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!“ Damit endet der Abschnitt, und damit wird Thomas zum Zweifler. Lese ich jedoch den nächsten Abschnitt dazu, der nur zwei Sätze umfasst, wird Thomas zu einem der letzten Augenzeugen: „Noch viele andere Zeichen tat Jesus vor den Jüngern, die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind. Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist ...“ Möglich, wenn nicht gar wahrscheinlich ist, dass der Satz „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben“ nicht dem Thomas gilt, sondern den Leserinnen und Lesern des Johannesevangeliums. Sie konnten Jesus ja nicht mehr sehen und sollten doch glauben, dass er der Christus ist. Es lohnt also erst recht, jeweils den vorhergehenden und den nachfolgenden Abschnitt mitzulesen.

Solch selbständiges Lesen führt allerdings bisweilen zu Textdeutungen, die der offiziellen Linie nicht ganz entsprechen, ihr manchmal auch gar nicht recht sind. Ich meine aber, dass Gott uns den Verstand gegeben hat, damit wir selber und selbständig denken und glauben – anstatt uns von anderen vorschreiben zu lassen, was und wie wir einen biblischen Text zu verstehen, was und wie wir zu glauben hätten.

Wird ein Text übersetzt, zudem noch in Kapitel, Abschnitte und Verse eingeteilt und mit Überschriften versehen, sitzt die Versuchung der Manipulation immer mit am Schreibtisch. Das gilt sogar für Übersetzungen, die sich besonders eng an den Urtext halten. In der Einführung zum Jakobusbrief lese ich in einer solchen Übersetzung, es sei nicht eindeutig festzustellen, welcher Jakobus den Brief geschrieben habe und dass als möglicher Autor ein Bruder Jesu namens Jakobus gelten könne. Das entspricht dem Stand der Forschung. Wenige Zeilen später aber lese ich dann vom „göttlichen Bruder“ des Briefschreibers. Hier haben die Herausgeber dieser Bibelübersetzung den Herrenbruder Jakobus ganz heimlich zum Schreiber dieses Briefes erklärt – und das macht mir diese Ausgabe unheimlich. Denn hier wird mit verdeckten Karten gespielt, wird Meinung manipuliert und eigenes Denken, eigenes Forschen der Leserinnen und Leser zu verhindern versucht. Das ist einfach nur ärgerlich.

Von den zahlreichen Übersetzungen ins Deutsche ist die (revidierte) Lutherübersetzung die verbreitetste. Sie ist sprachlich sehr eindrucksvoll, doch bisweilen nicht frei von Formulierungen, die weniger dem Urtext als mehr der lutherischen Theologie entsprechen. Sehr nah am Urtext und dadurch bisweilen recht schwer verständlich ist die Elberfelder Übersetzung. Allerdings neigt sie mit ihren Einführungen in die einzelnen Bücher der Bibel zur Bevormundung: Die Herausgeber schreiben im Vorwort, dass sie die Leserin, den Leser „führen“ wollen. Für privaten wie für dienstlichen Gebrauch benutze ich die Zürcher Übersetzung. An Nähe zum Urtext ähnelt sie der Elberfelder, ist sprachlich aber geglättet und daher zugänglicher. Außerdem enthält sie sich jeder Kommentierung und Beeinflussung der Lesenden. Auch hat sie umfängliche Querverweise (dazu später) und verzichtet auf Fettgedrucktes (dazu jetzt).

3. Fettgedrucktes

In manchen Bibelausgaben finden wir bestimmte Sätze fett gedruckt. Dadurch werden diese Worte als besonders wichtig herausgehoben, und wenn man als Pastor einen Tauf-, Konfirmations- oder Trauspruch sucht, erleichtert der Fettdruck das Finden. Das ist praktisch, für die Bibelleserin, den Bibelleser, aber nicht unbedenklich. Es kann der Eindruck entstehen, mit dem Fettgedruckten könne man den Inhalt der Bibel – gleichsam als Konzentrat - aufnehmen. Doch Vorsicht: Was fett gedruckt werden sollte, haben die Herausgeber der jeweiligen Ausgabe entschieden und nicht die Schreiber der biblischen Bücher.

Wer Bibeln mit fettgedruckten Versen aus verschiedenen Zeiten miteinander vergleicht, wird feststellen: Was so betont und herausgestellt wird, hat sich im Lauf der Zeiten verändert. Im 1. Petrusbrief (2, 17) heißt es heute „Fürchtet Gott – Komma - ehrt den König“, und der Satz ist nicht fett gedruckt. In einer Bibel, die mein Urgroßvater im Jahr 1910 zu seinem 60. Geburtstag geschenkt bekam, steht der Satz in Fettdruck und lautet „Fürchtet Gott – Doppelpunkt - ehrt den Kaiser“. Hier geben Fettdruck, aber auch Wortwahl und Satzzeichen den Zeitgeist wieder: Den (deutschen) Kaiser (als obersten weltlichen Kirchenherrn) zu ehren, wurde mit Gottesfurcht gleichgesetzt. Es gibt ein Buch über die Geschichte des fettgedruckten Bibelwortes, und man ist einigermaßen verwundert über die zeitbedingten Veränderungen. Nicht wundern würde mich, wenn es in der Nazizeit eine Übersetzung gab, in der es im 1. Petr. hieß: Fürchtet Gott, ehrt den Führer.

Fett gedruckte Bibelverse bergen noch eine weitere Gefahr: Man kann sie als Orakel oder wie ein Horoskop benutzen bzw. missbrauchen: Die Bibel irgendwo aufschlagen, und das Fettgedruckte, das einem da ins Auge springt, für einen besonderen Hinweis Gottes halten. Da vermengen sich dann christlicher Glaube und unchristliche Schicksalsgläubigkeit zu einem Gemisch, das weder das eine noch das andere ist.

Aus diesem Grund äußern besonders reformierte Christen Kritik z. B. an den Herrenhuter Losungen; schon, dass diese (jedenfalls früher) per Los ermittelt werden, stimmt bedenklich, und auch, dass sie aus ihrem Zusammenhang gerissen sind. Außerdem gilt nach reformierter Überzeugung jedes Bibelwort als gleich wichtig, weshalb einzelnen Büchern oder gar einzelnen Sätzen keine herausgehobene Bedeutung zusteht. Deshalb auch nichts Fettgedrucktes und keine „Verstehenshilfen“ in der Zürcher Übersetzung. Nach reformiertem Verständnis enthält nur die Bibel als ganze das Gotteswort, das in der ganzen Bibel zu suchen und zu finden ist. Solches Bibelverständnis allerdings setzt voraus, Widersprüche auszuhalten.

4. Widersprüche

Davon gibt es in der Bibel eine ganze Menge, und viele davon lassen sich nicht aufheben. Sie stehen da, und wir können sie nur stehen lassen.

Wer sich noch an die Friedensbewegung in den achtziger Jahren erinnert, kennt das Wort aus Micha (4, 3) „Schwerter zu Pflugscharen“. Eines Tages kam eine in puncto Friedensbewegung sehr anders denkende Kollegin triumphierend zu mir und zitierte Joel 4, 10: „Macht aus euren Pflugscharen Schwerter“. Es lässt sich nicht leugnen: Beides steht in der Bibel, und gegensätzlicher als diese beiden Zitate geht es kaum. Ein von „falsch“ und „richtig“ geprägtes Denken tut sich mit solchen Widersprüchen schwer. Lese ich den Zusammenhang und stelle die sechsfache W-Frage, erkenne ich ziemlich schnell: Micha verheißt seinem Volk Israel Frieden, und Joel droht heidnischen Völkern mit Gottes Gericht.

Derlei scheinbare Unvereinbarkeiten beginnen bereits mit den beiden unterschiedlichen Schöpfungsgeschichten am Anfang der Bibel; die Darstellungen in den Büchern der Könige und der Chronik beziehen unterschiedliche Positionen zum Königtum Israels. Im NT fallen z.B. die vier verschiedenen Versionen der Einsetzungsworte zum Abendmahl auf: Reines Gedächtnismahl bei Paulus (1. Kor. 15) und ein Mahl „zur Vergebung der Sünden“ bei Matthäus (Mt 26). Ein weiteres Beispiel: Jeder der vier Evangelisten kennt andere „letzte Worte“ Jesu am Kreuz, und mancher Mensch fragt irritiert: „Was hat er denn nun gesagt?“ Am deutlichsten werden die Unvereinbarkeiten wohl an den zwei verschiedenen Todestagen Jesu. Nach Markus stirbt Jesus an einem Freitag, nach Johannes an einem Donnerstag. Wer durch die Brille eines Historikers liest, muss feststellen: Nur eines der beiden Daten kann stimmen.

Theologen erklären solche Unvereinbarkeiten mit verschiedenen theologischen An- und Absichten der Evangelisten. Denn die Evangelisten sind keine Biographen Jesu von Nazareth, sondern Prediger und Missionare, die diesen Jesus als den erwarteten Christus verkündigen. Versuche, derlei Widersprüche auf Übereinstimmung zu biegen, sie zu harmonisieren, wirken zumeist recht abenteuerlich. Fragen wir aber nach der jeweiligen theologischen Aussage solcher Angaben, ist jede für sich wahr – nicht unbedingt im historischen Sinn, aber als Glaubensaussage.

5. Querverweise

In vielen Bibelausgaben finden wir Querverweise. Denn die Autoren biblischer Schriften haben gern aus früheren Schriften zitiert, teils wohl, weil sie selbst es nicht besser sagen konnten, teils wohl auch, um ihren eigenen Worten damit mehr Gewicht zu geben; bisweilen auch, um durch einen Widerspruch den eigenen Standpunkt schärfer herauszustellen („Ich aber sage euch ...“) – so, wie es auch heute gängige Praxis ist.

In wissenschaftlicher Literatur wird zudem häufig aus anderen Werken zitiert, um die Verlässlichkeit eigener Aussagen zu untermauern. Auch dies geschieht in der Bibel, jedoch nicht in der Art wissenschaftlicher Literatur. Wir dürfen solche Zitate nicht mit Belegen oder gar Beweisen verwechseln: Die Autoren der biblischen Bücher stellen die Zitate stets in den Dienst ihrer Verkündigung und in den Dienst dessen, den sie verkündigen. Da Gott es nicht erlaubt, ihn zu beweisen, und weil Jesus als der Christus nur zu glauben ist, brauchen wir gar nicht nach Beweisen zu suchen, wir haben sie auch nicht nötig. Denn was ich beweisen kann, brauche ich nicht zu glauben; Beweise zerstören das bzw. den Glauben.

Den Querverweisen nachzugehen und die angegebenen Zitate nachzuschlagen, kann zum Verstehen eines Textes jedoch sehr hilfreich sein. Wenn beim Einzug Jesu in Jerusalem das Volk jubelt „Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn“, dann zitiert es Psalm 118 und besingt einen weltlichen Herrscher. Wenn – nach Matthäus – Jesus am Kreuz sagt „Mein Gott, warum hast du mich verlassen“, dann zitiert Matthäus hier Psalm 22, einen Psalm, der anfangs eine tief empfundene Gottverlassenheit ausdrückt, am Ende aber in ein Lob Gottes mündet: „Des Herrn ist das Reich, er ist der Herrscher über die Völker. ... Meine Kinder werden seine Gerechtigkeit künden...“ Dieser ganze Psalm klingt mit, wenn Matthäus seinen Anfang zitiert und damit von Gottes letztendlichem Sieg spricht.

Im ganzen NT finden wir naturgemäß Zitate aus dem AT. Dieses war und ist die heilige Schrift der Juden, war also auch die „Bibel“ Jesu und aller Autoren des NT. Sie machen mit ihren Zitaten deutlich, dass sie fest im Glauben an den Gott Israels stehen, und nutzen z. T. die Zitate, um die Kontinuität zwischen dem Glauben an Gott und dem christlichen Glauben, dass Jesus der Christus ist, aufzuzeigen.

6. Buch der Bücher

Wir nennen die Bibel gern das „Buch der Bücher“. Diese Bezeichnung kann zweierlei bedeuten und bedeutet das auch: Für Christen ist die Bibel unter allen Büchern das wichtigste Buch überhaupt. Und: Die Bibel ist ein Buch aus Büchern. 66 sind es, davon 24 im NT, insgesamt also eine kleine Büchersammlung. Diese Bücher sind zu unterschiedlichen Zeiten an unterschiedlichen Orten von unterschiedlichen Autoren für unterschiedliche Leserinnen und Leser aus unterschiedlichen Anlässen mit unterschiedlichen Zielen geschrieben. Manche Forscher datieren die ältesten Schriften um das Jahr 1000 vor Christus, andere erst um 500, also nach der babylonischen Gefangenschaft. Die jüngsten Schriften datieren sie ziemlich übereinstimmend in das zweite nachchristliche Jahrhundert. Wenn wir von heute 700 oder gar 1200 Jahre zurückdenken, wird uns aufgehen, wie die Zeiten, die Lebensumstände, auch das Denken und das Wissen der Menschen sich in diesen sieben oder gar zwölf Jahrhunderten geändert haben. Das war damals nicht anders, und was sich verändert hat, ist immer in die Texte eingeflossen. Sie waren stets auf der Höhe ihrer Zeit.

Für eine überschaubare Zeit können wir das am Jesajabuch nachprüfen: Die ersten 39 Kapitel stammen aus der Zeit vor dem babylonischen Exil, spiegeln also die Zeit vor 586, und der Prophet versucht, auf die unheilschwangere Politik seiner Gegenwart Einfluss zu nehmen. Die Kapitel 40 bis 55 erzählen von einem anderen Propheten, der sich im Exil seelsorgerlich um die Verschleppten kümmert, ihnen Mut und Hoffnung macht; der ihnen auch rät, sich mit ihrem (verdienten) Schicksal abzufinden: „Sucht der Stadt Bestes“, fordert er die Exilanten auf und meint damit Babylon. Nachdem Cyrus 536 den Juden die Heimkehr ermöglicht, begleitet ein dritter Prophet Heimkehr nach und Wiederaufbau in Israel; davon lesen wir in den Kapitel 56 bis 66. Wir erkennen: Andere Zeiten, andere Predigtinhalte.

Noch etwas anderes können wir am Jesajabuch lernen: Es enthält zwar geschichtliche Daten und Fakten, ist aber kein Geschichtsbuch, sondern eine Sammlung von Predigten verschiedener Autoren aus verschiedenen Zeiten zu verschiedenen Anlässen mit verschiedenen Zielen. Ähnliches gilt auch für naturwissenschaftliche Angaben biblischer Schriften: Deren Autoren benutzen naturwissenschaftliches Wissen ihrer jeweiligen Zeit, um Gott in ihre Gegenwart hinein zu verkündigen. So erzählen die Schöpfungsgeschichten nicht, wie die Welt entstanden ist. Vielmehr verkündigen sie Gott als den Schöpfer und Erhalter dieser Welt, und wenn wir heute diese Welt zerstören, versündigen wir uns gegen Gott. Wir versündigen uns nicht an ihm, wenn wir die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse unserer Zeit anerkennen und akzeptieren. Versuche, naturwissenschaftliches Wissen von vor zweieinhalb bis drei tausend Jahren gegen Erkenntnisse von heute zu verteidigen, erinnern an Galilei; was ihm geschah, ist nur peinlich und hat zu dem verbreiteten Vorurteil beigetragen, Glaube mache und halte dumm.

Denn Glaube ist nicht Wissen. Was ich weiß und was sich beweisen lässt, brauche ich nicht zu glauben. Wer nur glauben will oder kann, was bewiesen oder beweisbar ist, zählt zu den Kleingläubigen, zu den Ungläubigen gar. Glaube ist „höher als alle Vernunft“ – aber deshalb noch lange nicht unvernünftig. Nirgendwo in der Bibel lese ich, dass ich als Glaubender meine Vernunft abstellen, meinen Verstand ausschalten soll. Mein Glaube, meine persönliche Beziehung zu Gott aber ist transrational, ist jenseits dessen, was mein Verstand erschließen und erfassen kann. Wer also Texte, die vom Glauben sprechen, die Glauben wecken und stärken wollen, mit rationalen Kriterien liest, gerät in ein Dilemma: Entweder kommt er oder sie zu dem Ergebnis: Was in der Bibel steht, kann nicht stimmen, weil die Forschung anderes sagt – oder er kommt zu dem Ergebnis: Was Forscher heute herausfinden, darf nicht stimmen, weil die Bibel anderes schreibt. Er oder sie muss sich dann entscheiden, entweder der Bibel oder den exakten Wissenschaften recht zu geben; Naturwissenschaft und Glaube werden damit unvereinbar.

Es ist fast tragikomisch, dass ungläubige Materialisten und „bibeltreue“ Christen in der materialistischen Rationalität ihres Denkens und Fragens völlig übereinstimmen und sich zugleich heftig bekämpfen. Unter „Wahrheit“ verstehen beide nur das, was sich nach- und beweisen lässt – das ist ein Denken der Aufklärung des 18. Jahrhunderts. Ungläubige Materialisten und „bibeltreue“ Christen nehmen also ihre eigene Vernunft zum Maßstab dessen, was sie für wahr halten. Damit machen sie aus einem Glauben als einer persönlichen Beziehung zu Gott ein Fürwahrhalten von Unwahrscheinlichkeiten und reduzieren Glauben auf Faktenkenntnis. Damit machen sie den Glauben ganz klein und verhindern das Glauben.

In der Bibel finden wir Texte, die eindeutig keine Fakten vermitteln. Unbestreitbar ist das in den Psalmen und anderen Liedern der Fall und auch bei den Gleichnissen des alten und vor allem des neuen Testaments – wer aber wollte bestreiten, dass diese Texte Wahrheiten enthalten, Glaubenswahrheiten nämlich und Lebensweisheiten. Darüber hinaus finden wir in der Bibel Legenden, Sagen und Märchen (z. B. Bileams Eselin 3. Mose 22,28 ff), finden Texte in mythologischer Sprache. Auch sie verkünden Glauben, erzählen von Gott, dem Schöpfer und Erhalter, dem gnädigen Vater und barmherzigen Erlöser, dem gerechten Richter und dem allmächtigen Herrscher der Welt. An diesen Gott zu glauben, wollen die Bücher im Buch der Bücher uns ermuntern, und in diesem Glauben wollen sie uns stärken. Wir zerstören diese Glauben weckende und stärkende Kraft biblischer Texte, wenn wir sie mit den Maßstäben der Aufklärung messen; solche Maßstäbe waren den biblischen Autoren unbekannt. Wir tun gut daran, die Bibel als das zu lesen was sie ist: Die älteste Verkündigung, die Ur-Kunde unseres Glaubens.

7. Bibel lesen

Zu hören, was alles beim Lesen der Bibel bedacht und beachtet sein will, kann davon abhalten, dieses Buch der Bücher aufzuschlagen und darin zu lesen. Denn wer Angst hat, etwas falsch zu machen, macht am liebsten gar nichts. Doch genau das wäre falsch. Eigentlich ist Bibellesen ganz einfach: Ich verzichte auf die Frage, ob das, was da steht, denn auch wirklich so passiert sein kann. Darum geht es den Autoren gar nicht, und darum braucht uns diese Frage auch gar nicht zu interessieren und schon gar nicht aufzuregen. Vielmehr will die Bibel uns als einzelnen und in der Gemeinschaft helfen, mit unserem Leben und Sterben gut zu recht zu kommen. Sie ist prall voll von Lebensweisheiten und Glaubenserfahrungen, und aus diesen Erfahrungen können wir lernen. Sie wollen uns anleiten und leiten.

Da gibt es im AT z. B. die Erzählung von Abraham, der seinen einzigen Sohn Isaak nicht opfert. Wie viele Väter haben noch nach Abraham ihre Söhne geopfert – dem Hof, dem Betrieb, der Familientradition - indem sie ihre Söhne zu einem Beruf, zu einem Leben zwangen, an dem die Söhne kaputt gingen. Die Geschichte von Abraham und Isaak sagt: Lass das, tu das nicht. Du wirst schon irgendein Schaf finden.

Oder: Im NT lesen wir, wie Jesus übers Wasser geht und den versinkenden Petrus herausfischt. Manche streiten sich, ob Jesus das wohl konnte oder nicht – ein überflüssiger Streit. Nun gibt es aber Menschen, die drohen in Arbeit zu versinken, andere in Schulden, noch andere im Suff. Wenn zu denen einer kommt, der über solches Wasser gehen kann, der in solchem Sumpf nicht versinkt, der kann sie dann herausziehen, und sie gehen nicht unter. Durch die Hand des Retters reicht Gott dem Versinkenden seine Hand.

Wer die Bibel so liest und versteht, fragt und streitet nicht mehr, ob das denn so passiert ist, wie es da steht. Für ihn erhalten sog. Beweise und auch Gegenbeweise das Maß an Lächerlichkeit, das ihnen in Glaubenssachen zusteht. Wer in der Bibel nach Lebensweisheit und Glaubenserfahrung sucht, wird finden und entdecken: Die Bibel ist eine Schatztruhe, randvoll mit Kostbarkeiten. Wir brauchen nur den Deckel zu öffnen. Wer das Buch der Bücher als Ur-Kunde des Glaubens liest und versteht, ist und bleibt der Bibel treu.